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Hermann Grünspan – verschwunden von einem Tag auf den anderen

Stolperstein in Birkmannsweiler erinnert an sein Schicksal

Künstler Gunter Demnig beim Verlegen des Stolpersteins während der Ansprache von Oberbürgermeister Hartmut Holzwart. In der ersten Reihe (v.l.) Stadtarchivarin Dr. Sabine Reustle, Heike Häussermann und Helen Feuerbacher.

Mit nur 36 Jahren wurde Hermann Grünspan im KZ Jungfernhof bei Riga ermordet. Zuvor hatte er vier Jahre lang in Birkmannsweiler gelebt und bei der Schuhmacherfamilie Hermann Grotz als Schustergeselle gearbeitet. Er galt als fleißiger, sparsamer und ruhiger Geselle und war im Ort beliebt.

Doch als Jude war er bereits seit der Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 Repressalien und Entrechtungen ausgesetzt gewesen. Endgültig besiegelt wurde sein Schicksal am 21. November 1941 mit einem Brief des Landrats in Waiblingen an den Bürgermeister in Birkmannsweiler mit dem Betreff „Abschiebung von Juden in das Reichskommissariat Ostland“. Er enthielt den als Evakuierung in einen Arbeitslager getarnten Deportationsbefehl für Hermann Grünspan. Am 27. November 1941 begleitete sein Arbeitgeber ihn nach Stuttgart, von wo aus er am 1. Dezember 1941 mit etwa tausend weiteren Menschen nach Riga in das KZ Jungfernhof gebracht und dort ermordet wurde. Nur rund fünfzig der tausend Menschen in diesem ersten Deportationszug überlebten den Holocaust. Insgesamt wurden vom Stuttgarter Nordbahnhof zwischen 1941 und 1944 mehr als 2.600 Jüdinnen und Juden deportiert und bis auf wenige Ausnahmen ermordet.

Stolpersteinverlegung ist keine Routine

Am 28. Oktober wurde zur Erinnerung an Hermann Grünspan von Künstler Gunter Demnig ein Stolperstein vor dem Haus Hauptstraße 103 in Birkmannsweiler, dem letzten selbst gewählten Wohnort von Hermann Grünspan, verlegt. Oberbürgermeister Hartmut Holzwarth konnte viele Gäste bei der Verlegung begrüßen, darunter Heike Häussermann, die Initiatorin der Stolpersteinverlegung, Stadtarchivarin Dr. Sabine Reustle sowie zahlreiche Gemeinderäte und Bürgermeister a.D. Seibold Friedrich. Anschließend berichtete er den Anwesenden vom Schicksal Hermann Grünspans. Auch Gunter Demnig sprach einige Worte: „6 Millionen ist eine unvorstellbare Zahl. So bleiben die von den Nationalsozialisten Ermordeten für uns abstrakt. Doch durch die Stolpersteine werden die Einzelschicksale sichtbar.“

Gunter Deming bei seiner kurzen Ansprache, neben ihm Oberbürgermeister Hartmut Holzwarth, im Hintergrund der Posaunenchor Birkmannsweiler-Höfen-Baach.

Heike Häussermann, eine Enkelin des Ehepaar Grotz, machte das Schicksal Hermann Grünspans noch greifbarer, indem sie von den Geschichten berichtete, die innerhalb ihrer Familie über ihn erzählt worden waren. Sie war nach eigenen Recherchen im Staatsarchiv Ludwigsburg auf die Idee gekommen, dass ein Stolperstein verlegt werden sollte, und hatte mit dem Stadtarchiv Kontakt aufgenommen, das sich anschließend um das weitere Verfahren gekümmert hatte.

Helen Feuerbacher, die das Schicksal Grünspans erforscht und in Band 13 der Reihe „Winnenden Gestern und Heute“ (Seite 80-84) dargestellt hat, las das Gedicht „Man hat meinem Gott das Haus angezündet“ von Klaus Hemmerle vor. Dieses schließt mit den Worten: „Bewahre in mir Deinen Namen, bewahre in mir ihren Namen, bewahre in mir ihr Gedenken, bewahre in mir meine Scham: Gott, sei mir gnädig.“

Die Bläser des Posaunenchors Birkmannsweiler-Höfen-Baach spielten unter der Leitung von Dr. Martin Klöpfer zu Beginn der Verlegung „Klezmoresqu“ von Roland Kernen und zum Abschluss „Schalom, Schalom, der Herr segne uns.“ von Helmut Lammel und sorgten damit für einen würdigen musikalischen Rahmen.

„Ein Mensch ist erst vergessen, wenn sein Name vergessen ist“ (Talmud)

Gunter Demnig erinnert an die Opfer der NS-Zeit, indem er vor ihrem letzten selbst gewählten Wohnort Gedenktafeln aus Messing ins Trottoir einlässt. Der Künstler hat das Projekt im Jahr 1992 ins Leben gerufen. Anlässlich des 50. Jahrestages der Deportation deutscher Roma und Sinti aus Köln verlegte er damals einen Gedenkstein vor dem historischen Kölner Rathaus. Stolpersteine sind Gedenktafeln, die an das Schicksal der Menschen erinnern, die in der Zeit des Nationalsozialismus verfolgt, vertrieben, deportiert oder ermordet wurden. Mit den Steinen vor den Häusern wird die Erinnerung an die Menschen lebendig, die dort einst wohnten. Bisher wurden bereits über 60.000 Stolpersteine in insgesamt 21 europäischen Ländern von Gunter Demnig verlegt.

Der Stolperstein erinnert an den ermordeten Hermann Grünspan, der nie ein Grab oder einen Grabstein hatte.
(Erstellt am 31. Oktober 2016)