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Der Klang der Liebe

Gottfried von Neuffen und der Minnesang des 13. Jahrhunderts

Die Reihe der hochkarätig besetzten historischen Vorträge zum Jubiläum „800 Jahre Stadt Winnenden“ fand am Donnerstag vorige Woche mit dem wissenschaftlichen Vortrag zum Schaffen und Wirken des Minnesängers Gottfried von Neuffen ihren Höhepunkt und ihr Ende. Eingeladen hatte die Stadt Winnenden/Stadtarchiv und der Verein Alte Kelter Winnenden e.V.

Der Vortragende, Prof. Dr. Gert Hübner, Extraordinarius für Germanistische Mediävistik im Europäischen Kontext, ist im deutschen Sprachraum ein anerkannter Spezialist zum Thema Minnesang. Sein Buch „Minnesang im 13. Jahrhundert“ wird seit seinem Erscheinen im Jahr 2008 als Grundlage für viele Studenten genutzt, um sich in die Minnedichtung des Mittelalters einzuarbeiten. Insbesondere spielt dabei der poetische Nachlass Gottfrieds von Neuffen (Nifen) eine Rolle. Er und sein Vater Heinrich, der Gründer der Stadt Winnenden, wurden bei den verschiedenen Feierlichkeiten zum diesjährigen 800-jährigen Stadtjubiläum bereits mehrfach thematisiert und in Szene gesetzt. Allen sichtbar ist dabei die neue Brunnenfigur auf dem Marktplatz, die den Sänger und seine hiesige Geliebte, das sogenannte Winnender Mädle, in inniger Umarmung zeigt – wie es in einem der Gottfried-Lieder beschrieben wird.

OB Hartmut Holzwarth, Prof. Dr. Gert Hübner und Stadtarchivarin Dr. Sabine Reustle.

Minnesang war elitäre Angelegenheit des Adels

Oberbürgermeister Hartmut Holzwarth und Stadtarchivarin Dr. Sabine Reustle freuten sich sehr, dass Prof. Hübner sich bereit gefunden hatte, den Weg von Basel nach Winnenden zu nehmen, um hier seine Sicht auf den Minnesang und im Besonderen auf den Minnesänger Gottfried darzustellen.
Der Referent entfaltete wortgewandt und anschaulich vor dem Publikum eine Welt, die heute fremd und teilweise auch unverständlich erscheint. Minnesang, so Prof. Hübner, war eine extrem spezialisierte und elitäre Angelegenheit des Adels. Mit ihrer Dichtkunst demonstrierten die Männer dieser Oberschicht ihre Überlegenheit und ihren Herrschaftsanspruch auf die restlichen 99 Prozent der Bevölkerung. Diesen Anspruch zeigt schon die Anlage der berühmten Manesse-Handschrift, der Hauptquelle für das Genre: Ganz vorne findet sich die prachtvolle Illustration Kaiser Heinrichs VI. in vollem Herrschaftsornat, die als Einleitung für das nachfolgende, diesem Stauferherrscher zugeordnete Gedicht dient. Ihm folgen Könige, Grafen und Herren in der Reihenfolge ihres gesellschaftlichen Ranges. Gottfried findet sich unter der Nummer 17 von über 400 Sängern. Minnedichtung, so wird deutlich, zählte in diesen Kreisen zum guten Ton. Neben der adligen Geburt wollte man sich profilieren, indem man besondere Vornehmheit und Kultiviertheit an den Tag legte. Herrschen, so die Ansicht, vermochte nur der, der sich selbst be-herrschen konnte. Und gerade in der Liebe ließ sich das besonders deutlich demonstrieren. Das war der eigentliche Sinn und Zweck dieser Dichtkunst.

Der Minnesängern Gottfried von Neuffen

Vordergründig warb ein Ritter um die Gunst einer Dame, die sich meist ablehnend verhielt. Das Dichten und Vortragen der Lieder galt als Dienst an der schönen Angebeteten, von der man sich körperliche Liebe als Lohn erhoffte. In den 45 erhaltenen ernsten Minnekanzonen Gottfrieds wird entweder die Hoffnung auf Erhörung oder aber die Klage um Abweisung thematisiert. Außerdem erscheint im jeden Lied die Metapher vom „roten Mund“ in unterschiedlichen Ausdrucksformen oder aber das Bild vom „lichten Augenschein“ der Schönen vor. Gottfrieds Verse und Reime sind hochkomplex, bis in einzelne Laute oder Schemata durchkomponiert und wirken in ihrer Aneinanderreihung für heutigen Geschmack eintönig und steif. In der Literaturwissenschaft wurde er daher seit dem 19. Jahrhundert als künstlerisch eher unbedeutend eingestuft. Prof. Hübner setzt dem ein völlig anderes Bild entgegen. Er stellt fest, dass Gottfried in seiner Zeit und bis um die Mitte des 14. Jahrhunderts der am meisten rezipierte und nachgeeiferte Minnedichter war. Ganze Generationen von Minnesängern konnten Gottfrieds Lieder als Vorlage und Vorbild für ihre eigenen Formulierungen und Reime verwenden. In diesem Sinn kann Gottfried heute sogar als DER Klassiker, der wirkungsmächtigste unter den Minnesängern bezeichnet werden.
Auf die Frage nach dem sog. Winnender Lied erklärte Prof. Hübner, dass sich Gottfried hier der Gattung der sog. Pastourellen (Schäferlieder) bediente, in denen ein nichtadliges Mädchen sich als Adlige geriert und so zum Amüsement der Zuhörer beiträgt. Dass hier die Werbung zur Erfüllung der Liebe führt zeigt, dass diese Art von Lied als Parodie zum klassischen Minnelied angesehen werden muss.
Prof. Hübners Vortrag brachte viel Neues und auch Überraschendes. Oberbürgermeister Holzwarth nahm dem Referenten am Ende einer lebhaften Fragerunde im Namen aller Anwesenden das Versprechen ab, auch einmal wieder hierher nach Winnenden zu kommen und uns über seine Forschungen zur mittelalterlichen Adelswelt zu berichten.